Heute wie damals
Es war einmal ein Mann, der besaß einen wunderschönen Käfig.
Er war golden und mit allerlei Annehmlichkeiten ausgestattet.
Eine herrlich gemütliche und sehr interessante Ausstattung lud zum Verweilen ein.
Ausserdem gab es eine goldene Klingel, die, wenn sie betätigt wurde, eine warme wohlklingende Stimme ertönen ließ und diese fragte: „Ja bitte, was möchtest Du? Womit kann ich dienen? Was würde dein Herz erfreuen?“
Alles in allem fast ein Zauberkäfig.
Hier drinnen könnte man es sich gutgehen lassen, unbeschwert sich den gewünschten Genüssen hingeben, die ja nach dem Aussprechen des Wunsches sofort erfüllt wurden. Herrlich, alle Sinne würden verwöhnt werden und das Leben wäre leicht.

Mit diesem Käfig zog er durch die Lande und bot ihn einer schönen Frau an, die er begehrte.
Sie mochte den Mann, hatte er doch ein sympathisches Antlitz , und schaute sich den verlockenden Käfig an. Ging hinein „Oh ja, wie schön er ist“; und endlich hätte das eigene traurige, mühselige und freudlose Leben ein Ende. So dachte sie.
Sie willigte auf seine Einladung ein und bezog den goldenen Käfig immer wieder für einige Zeit. Ja, sie ließ es sich richtig gutgehen. Wurde verwöhnt und jeder Wunsch von ihr wurde promt erfüllt. Schöne Kleider, Schmuck, Massagen, Bücher, Champagner und Kaviar.

Nach einiger Zeit stellte der Mann ein paar Forderungen an sie für diese Annehmlichkeiten. Erst kleine Forderungen, die sich eher nach Besorgnis anhörten: „Flieg nicht so oft draussen herum, die Welt ist schlecht und ich kann dann nicht auf dich aufpassen“, „Du wirst dich draußen erkälten, bleib lieber hier im Warmen“,“ Du hast doch alles was du brauchst und ich habe dich gern in meiner Nähe, sei doch ein bischen dankbar!“
Na gut, dachte sie, er sorgt sich um mich, dann fliege ich nicht so oft heraus, obwohl mir mein altes gewohntes Leben doch fehlt. Es war zwar mühseliger und ich fühlte mich oft einsam, aber es ist m e i n Leben.
Nach geraumer Zeit kamen andere Forderungen hinzu. „Jetzt tust du aber mal was für mich!“ Aha, dachte sie. Was soll ich denn wohl tun? Ihre Frage wurde bald beantwortet. „Jetzt kochst du für mich und meine Wäsche müsste auch dringend gewaschen werden.“
Sie war so dankbar, dass sie seine Wünsche erfüllte und kam vor lauter Arbeit nicht mehr aus dem Käfig. Aber nicht genug der Forderungen.
„Ich komme heute Abend zu dir in den Käfig und möchte von dir verwöhnt werden. Das Bett ist weich und kuschelig, du bist eine Frau und weißt was ein Mann begehrt.“

Es war gegen Mittag und sie hatte noch ein paar Stunden Zeit. Um sich verführerisch herzurichten ? Hmmm- sie lief im Käfig auf und ab. Die letzten Monate liefen vor ihrem inneren Augen ab. Wie schön war es zu Beginn, dann veränderte sich der Mann . Sie hatte ein schlechtes Gewissen bekommen, blieb und erfüllte seine Wünsche, weil er ja alles für sie getan hatte . Aber jetzt? Wollte sie das?
Ihr ganzes Inneres sträubte sich gegen diesen letzten Wunsch von ihm. Ihr wurde fast schlecht. Was sollte sie tun?
Auf einmal hörte sie eine Stimme. Ganz leise erst. „Wer spricht da?“ Keine Antwort. Die Stimme wurde lauter und sie spürte ganz deutlich, dass sie aus ihrem Inneren kam.
„Tu das nicht, du willst das nicht. Geh zurück in d e i n Leben. Nimm es in die Hand , gestalte es dir so, wie es dir entspricht und du dadurch Freude und inneren Frieden findest!“
Es war wie ein Aufwachen aus einem bösen Traum. Schnell weg!
Sie schaute sich um, wollte noch ein paar Sachen mitnehmen. Aber als sie die Dinge berührte, zerfielen sie zu Staub, denn sie waren auf einmal bedeutungslos.
Der Mann war bereits in der Nähe, sie sah ihn kommen. Er ahnte was sie wollte, ging schneller und machte ein finsteres Gesicht.
Sie bekam Angst, denn sie erkannte wie er wirklich war.
Die Tür des Käfigs war nur angelehnt. Eine innere Kraft die sie jetzt spürte, ließ sie zur Tür laufen und sie flog hinaus.
Ihr Herz klopfte, sie war schon hoch in der Luft, sah ihn und hörte ihn schreien und schimpfen. „Du undankbares Weib!“
Sie aber fühlte sich leicht und wusste, dorthin bringt mich keiner mehr zurück.

So, und wie wir es ja wissen:
Und wenn sie nicht gestorben ist, gibt es sie noch immer unter uns, lebt nach ihren eigenen Vorstellungen und ist damit glücklich und zufrieden.