Ein altes Sprichwort lautet:
Reden ist silber – Schweigen ist gold. Ist das wirklich richtig so?
Bereits als Kind musste ich erfahren, was es mit mir macht, wenn die Familie ständig schweigt. Ich wollte immer wissen, was denn eigentlich los ist, aber über die wirklich wichtigen Dinge wurde geschwiegen.
Dieses große Schweigen beinhaltet nicht nur die Probleme wegzuschieben und unter den berühmten Teppich zu kehren, nein, es lässt unheimlich viel Raum für eigene Interpretationen, die gar nicht stimmen müssen.
Als Kind und auch später als Erwachsene, habe ich Schweigen und Abtun gehasst. Durch eine klare Aussprache was ist, wissen wir, woran wir sind, aber im Verschwiegenen stecken so viele Möglichkeiten , was denn sein k ö n n t e . Dadurch entstehen Ängste, Sorgen, Ahnungen und Vermutungen gepaart mit negativen Gefühlen.

In vielen Familien gibt es Geheimnisse , die nicht an die Öffentlichkeit sollen:
– Ein uneheliches Kind (zu meiner Zeit war das noch ein furchtbarer Makel).
– Ein Onkel, der säuft und die Tante schlägt.
– Eine immer wieder vom Ehemann betrogene Kusine.
– Ein Kuckuckskind.
– Die Familie musste Insolvenz anmelden.
– Eine nahe Verwandte verdient ihr Geld im Bordell um ihre 4 Kinder zu ernähren.
Mißbrauchverdächtigungen, Erbschleicher, zur Adoption weggegebene Kinder, abgebrochenes Studium usw. usw.
All diese und ähnliche Geschichten werden unter dem Deckel gehalten und gären vor sich hin.
Es wird verschwiegen, gelogen, verschleiert, Tatsachen verändert und nach aussen die heile Familie gezeigt.
Beim Schreiben dieser Zeilen sehe ich regelrecht diese stinkende Brühe ! Keiner sagt etwas und alle machen mit. Die einen schweigen bewusst, und die, mit dem zwar ahnenden Halbwissen, schließen sich an. Nichts dringt nach aussen.
Aber was macht das mit uns Menschen?
Geht es den „Verbündeten“ gut damit oder gibt es hier und da im Verbund Mitglieder, die bereits krank sind? Wahrscheinlich wandert die Antwort darauf auch unter den Teppich!
„Weißt du, Tante Marie hat Unterleibskrebs, aber das soll keiner wissen!“
„Ist das die Tante, die ständig vom Onkel betrogen wird und so tut, als bemerke sie das nicht?“
„Wo ist denn Opa?“
„Sag es niemanden, er ist ein paar Wochen zur Kur, du weißt doch, seine Galle!“ (Opa säuft!)

Auch in alltäglichen Situationen , in denen kein Klärungsprozess stattfindet und stattdessen nur Drohungen ausgesprochen werden oder gar nichts gesagt wird, leiden wir.
Sagen wir unserem Kind, nachdem es etwas getan hat, was uns mißfällt :
Z.B „Wenn du ständig dein Fahrrad verleihst und es kaputt wiederbekommst, ist das ab heute deine Sache!“
Mit dieser Aussage hat das Kind die Information bekommen : Meine Mutter hat die Nase voll, sich um meine Rad zu kümmern. Ab jetzt muß ich es selbst tun. – fertig –
Würde sie aber drohend sagen : „Warte nur bis Papa nach Hause kommt!“- hat das Kind viele Interpretationsmöglichkeiten, was dann passieren könnte. Ist der Vater ein ganz lieber, geht’s ja noch, aber ist er eher genervt und aufbrausend und es gibt wohl ein Donnerwetter mit Sanktionen, sieht das Gedankenkarussel schon anders aus.

Alles was verschwiegen, verschleiert , unterdrückt und falsch dargestellt wird, sucht sich irgendwann ein Ventil, was schwerwiegende Folgen haben kann:
Kein Vertrauen in sich und die Welt, gestörte Beziehungen, psychische Probleme, Krankheiten, Süchte, finanzielle Probleme usw.- die ganze Palette ,sind oftmals die traurigen Auswirkungen einer solchen Haltung.
Warum tun Menschen das?
Warum kommt die erlösende Wahrheit und Ehrlichkeit nicht ans Licht?
Es ist aus Scham, aus  Angst verachtet zu werden, Unwissenheit über diese Art von Verhalten, unkritisches, zwanghaftes Festhalten an traditionellen Vorstellungen über Moral und gesellschaftlicher Akzeptanz, falsche Treue zur Familie und ihrer Idealisierung, Angst vor dem Verlassenwerden und dem nicht mehr dazuzugehören.

Es wäre so wünschenswert, wenn dieser oftmals unbewusste Mechanismus durchbrochen wird. Mut und die Wertschätzung zur Ehrlichkeit und Wahrheit aufgebracht wird. Das die eigenen Gefühle ernst genommen werden und zur Sprache kommen.
Dies würde beim Einzelnen, in den Beziehungen und in der Familie eine große Erleichterung mit sich bringen.
Aus den alten Mustern, in denen gelebt wurde, auszusteigen, fördert ganz neue menschliche Qualitäten und Beziehungen zutage.