Nicht mehr Mutter bin in dem Sinne, wenn die Kinder ausgezogen sind.
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Ehefrau oder Partnerin bin, weil ich allein lebe?
Wer bin ich ohne Job, weil ich keinen bekomme oder ich in Rente bin?
Wer bin ich, wenn ich keinen Hund mehr habe, in keinen Verein mehr bin und Freundschaften auch keine mehr da sind?
Das gilt natürlich auch für Männer : Kein Vater , kein Chef, kein Ehemann usw. mehr bin?
Wer bin ich ohne all das?
Ein Bekannter antwortete mir spontan auf diese Frage : „Eine arme Wurst!“
Tja, ist das so?

Ich glaube eher, wenn Rollen wegfallen, wir sie nicht mehr „spielen“, dann fallen wir komplett auf uns zurück. Zuerst mag dieser Zustand mit sehr unguten Gefühlen verbunden sein. Von Traurigkeit, Wut, Ängsten, Unverständnis, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Depressionen begleitet.
Driften wir doch völlig in die Tiefen unserer Gefühlswelt, unser Seele ab.
Und genau das ist richtig. Wenn wir es zulassen, spüren wir unsere wahre Existenz.
Durch den Prozess des „Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-werden, kommen wir Schritt für Schritt zu uns selbst.
Wir haben jetzt einen großen Freiraum und diesen können wir mit dem füllen, was uns entspricht, uns Freude macht und Erfüllung bringt.
Was habe ich noch nicht von mir gelebt?
Wo ziehen mich meine Sehnsucht und meine Träume hin?

Es gibt kein Zurück- es gibt nur ein nach Vorn.
! Das wir in dieser Situation sind ist Fakt. Nur wie wir unser weiteres Leben gestalten, hängt von uns selbst ab.
Trauern ist wichtig, aber danach sollte die Chance ergriffen werden, sich ein neues Leben zu „bauen“. Sich der Herausforderung zu stellen.
Ich sage nicht, dass es leicht ist. Ganz bestimmt nicht, zumal wir uns oftmals unvorbereitet in dieser neuen und ungewohnten Situation befinden.
Über die schlimmen, traurigen und verzweifelten Momente brauchen wir nicht sprechen, denn jeder weiß, wie es sich anfühlt.
Wie also wollen wir unser Leben jetzt gestalten?

Dabei sollte es nicht um Lebens-Gestaltungsmöglichkeiten gehen, die nur mit Geld zu erreichen sind. Natürlich ist ein Urlaub, ein Wellnesstag oder auch ein Geschenk, was man sich selbst macht, gut für unsere Seele. Aber eine wirklich erfüllende Aufgabe, in der noch ungeahnte Fähigkeiten von uns zutage treten, bringt uns langfristig Freude und Sinnerfüllung.
Unsere Pflichten gaben uns den Rahmen in dem wir agierten. Nun ist dieser Rahmen gesprengt und Möglichkeiten können sich jetzt auftun.
Sich nicht nach unten ziehen lassen, sondern mutig neue Wege beschreiten, selbst wenn es sich vorerst ungewohnt anfühlt, man eher lustlos an die Sache geht- trotzdem machen!
In neuen Situationen lernen wir immer mehr von uns selbst kennen.

Eine Frau erzählte mir, sie hätte mit Mitte 50 endlich Schwimmen gelernt und war von sich überrascht, das zu können. Heute ist sie in einem Schwimmverein und pflegt zusätzlich neue Kontakte, was ihr neben Ehefrau und Mutter aus Zeitgründen nicht möglich war.
Andere entdecken ungeahnte Fähigkeiten an sich, z.B. beim Malen oder haben sich einen Gemeinschaftsgarten zugelegt und finden Freude und Erfüllung in der Natur und im Miteinander.

Ein Vater, der alleinerziehend war und seine Kinder jetzt aus dem Haus sind, erzählte mir, dass er endlich wieder Flügel hat und sich darauf freut, seine brachliegenden Fähigkeiten zu entdecken. Er ist gerade dabei, sich in einer Männergruppe Unterstützung zu holen um sich seine Fragen (Was will ich jetzt tun? Wer bin ich ohne die Pflichten ?) beantworten zu können und danach zu handeln.

Da fällt mir noch eine mutige Frau ein, die, nachdem die Kinder ausgezogen waren und der Ehemann gleich mitging, komplett allein dasaß. Ihr Traum, nach dem Auszug der Kinder war: „Dann hätten mein Mann und ich endlich Zeit für uns. Wir wollten einen Tanzkurs machen, Wandern und endlich Sonntage im Bett verbringen.“ Und nun? Nach anfänglicher großer Trauer, nahm sie ihre Wut als Motor um sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie gab die Wohnung auf und verkaufte alle Möbel. Da sie eine Ausbildung als Physiotherapeutin hatte, nahm sie den Beruf wieder auf und bekam glücklicherweise eine Stelle in einer Reha Klinik auf einer Nordseeinsel. Dort am Meer konnte sie ihre Seele befragen, wie es weitergehen soll. Sie schrieb mir eine Karte, auf der stand : Das Meer ist größer geworden durch meine vielen Tränen, aber ich fühle mich wieder und habe Pläne.- Ich bin gespannt, wie es bei ihr weitergeht.

Das Leben fordert uns immer wieder heraus. Ignorieren wir das, sitzen wir einsam und verzweifelt vor dem Fernseher, verschließen uns vor dem Leben und machen uns unberührbar, wird es nicht lange dauern ,bis der Körper streikt und der einzige soziale Kontakt der Arzt sein wird.

Es steckt so viel in uns, was befreit und gelebt werden will.
Und es stimmt: Manchmal muss etwas Altes gehen, damit Neues entstehen kann.
Lassen wir uns doch auf das Abenteuer der Selbsterkenntnis ein, dem Entdecken des noch Unbekannten in uns.