Die Geschichte hat sich wirklich zugetragen, so, oder so ähnlich.
Es ist lang her, daher sind die Tatsachen vielleicht ein wenig verändert.

Sie handelt von einem kleinen Mädchen, das in dem Krieg zweier Stämme einfach verloren ging. Aber nicht irgendwie verloren, nein, sie lief damals in den Wald und versteckte sich dort. Zwei Tage und zwei Nächte blieb sie in ihrem Versteck, was sicherlich ihr Leben rettete. Jeder würde jetzt denken, sie sei hungrig , ängstlich und hilflos gewesen. Aber nein, sie kroch aus ihrem Versteck und entdeckte an sich eine merkwürdige Veränderung. Ihre Haut sah ähnlich der einer Schlange aus, was sie aber nicht erschreckte. Ihr Gesicht war wie vorher, die Schlangenhaut begann ab ihrem Hals. Nur ihre Augen waren verändert. Sie waren wunderschön leuchtend grün.

Als sie so dastand und sich betrachtete, hörte sie Geräusche. Schnell versteckte sie sich hinter einem Gebüsch. Die Geräusche kamen immer näher und eine Stimme sprach: „Gibt es hier irgendwo ein Mädchen, das bestimmt hungrig ist? Vielleicht mag sie etwas Dattelschleim mit Veilchenschaum? Mmmmh – ich mach mir jetzt welchen und wenn dieses kleine Mädchen mag, ist sie herzlichst eingeladen. Ich lasse meinen besten Freund, den Hasenkater da, er zeigt dir den Weg.“

„Dattelschleim und Hasenkater, merkwürdig. Ist die Alte noch bei Trost?“ Sie lukte durch den Strauch und sah ein so süßes kleines Wesen direkt vor dem Strauch sitzen und dieses schaute sie an. Langsam traute sie sich hervor. Der „Was auch immer er ist“, sagte :“ Ich heiße Alchemilla. Ich finde den Namen ja doof, aber ich hatte keinen und bekam von Frau Hippophae natürlich einen botanischen Namen. Es bedeutet Hasenmänteli oder auch Frauenmantel. Meine Eltern, weißt du…..- er plauderte und plauderte, waren, wie du unschwer erkennen kannst, ein Hase und eine Katze. Übrigens bin ich ein Mädchen, das sieht man nicht gleich auf den ersten Blick………….“ Jaaa, ich komme schon, fiel ihr das Mädchen ins Wort.
„Hey, du siehst ja schön aus“, rief bewundernswert Alchemilla , nachdem das Mädchen jetzt vor ihr stand. „Und deine Augen– was sehe ich da? Bin ich das, was ich da sehe? Seidiges Fell, eine zarte Nase, oh- schöne Augen. Der Anblick macht mich glücklich.“
Das Mädchen verstand nicht was sie meinte, aber sie verspürte jetzt doch großen Hunger und folgte ihr. Schon nach ein paar Minuten erreichten sie einen Hügel und am Fuße des Hügel war eine Tür. Alchemilla öffnete die Tür, ging hinein und das Mädchen folgte ihr.
Drinnen stand die ältere Frau und kochte. „Kommt herein, setzt euch, gleich geht’s los.“ Sie setzten sich an einen alten schönen Tisch und die Frau tischte wundersame Dinge auf. Alchemilla griff gleich zu und stupste das Mädchen an :“Iss, das ist gut!“ Sie nahm etwas von den Speisen, und tatsächlich, es schmeckte herrlich. Sie wusste zwar nicht was sie aß, aber das war ihr egal. Die Frau lächelte, setzte sich zu den beiden und sagte:“ Ich heiße Hippophae.“
Das Mädchen schaute sich um. Es war so gemütlich in diesem…. , ja, diesem Bau. Es gab einen Raum und Fluchtwege, wie in einem Hasenbau.
„Mein Kind, wie heißt du?“ fragte die Frau. Sie war eine Frau, wo das eigenes Herz gleich zusagt. „Ich weiß es nicht mehr.“ „Dann geben wir dir einen Namen“, rief Alchemilla erfreut. Sie dachte nach. „Wie wäre es mit Rauwolfia, die Schlangenwurzel?“ „Ach nein, der gefällt mir nicht“ ,und das Mädchen verdrehte die grünen Augen. „Gratiola, wie wäre es damit?“ fragte Hippophae. „Es ist das Gottesgnadenkraut“. „Ja, der geht. Es sei denn, uns fällt irgendwann ein anderer ein.“
Die drei plauderten bis in die Nacht hinein. „Wenn du magst Gratiola, bleibe bei uns so lange du willst“, sagte Hippophae.
Und sie blieb.

Es vergingen Tage, Wochen, Monate und Jahre.
Gratiola lernte von Hippophae alles über Pflanzen und deren Heilwirkungen. In dem großen wunderschönen Garten wuchsen allerlei merkwürdige Eigenzüchtungen von Hippophae. Da gab es das Ungeduldkraut, die Habgierwurzel, den Schwereherzpilz, die Trotzkopfknollen, den Geizstrauch, das Mißmutgewächs, die Krumbuckelsetzlinge, die Sorgensprossen, die Mutschoten, die Schlechtesgewissenbeeren und die Grünschnabelblätter aus denen sie Salben, Tee’s und anderes Gebräu herstellte.

Es kam eine Zeit, da wurde Gratiola unruhig. Hippophae bemerkte dies natürlich und nahm sie in die Arme und sagte:“ Mein Mädchen, ich sehe, dass es dich hinaustreibt. Du willst etwas über deine Familie herausfinden. Nur muss ich dir jetzt unbedingt etwas mit auf den Weg geben. Schauen die Menschen in deine Augen, dann sehen sie ihr wahres Gesicht. Es wird nicht leicht für dich sein, denn welcher Mensch will schon sein wahres Gesicht sehen. Es gibt so viel Boshaftes bei den Menschen, so viel Hass, Mißgunst und Neid und das wollen die Menschen nicht wahrhaben. Sie werden dich beschimpfen. Natürlich werden dir auch Menschen begegnen, die ein liebevolles , mitfühlendes Herz haben und vor denen brauchst du dich nicht fürchten. Also, gib acht auf dich.“

Gratiola packte ein paar Sachen ein, darunter einige Heilkräuter, den geliebten Dattelschleim als Proviant und von Alchemilla, in einem kleinen Kästchen drei „Schnurrhaare“. Das eine soll ihr den Weg in schützende Hasenbauten zeigen, mit dem anderen kann sie Nachts sehen und das letzte, zeigt ihr, wie sie eine Maus fangen kann. Na ja, dachte Gratiola, das letzte Schnurrhaar werde ich wohl kaum brauchen.
Alchenmilla stand neben ihr und schluchzte unaufhörlich: „Du kommst aber wieder ja?“
„Ja bestimmt, ich muss einfach wissen, ob noch jemand aus meiner Familie lebt.“

Sie zog los. Und wie Hippophae ihr prophezeite, ließen die Menschen sie erst gar nicht aussprechen. Sie beschimpften sie , nachdem sie nur in Gratiolas Augen geschaut hatten und ihr eigenes Spiegelbild darin sahen.
Aber sie gab nicht auf und endlich blieb ein Mann stehen und hörte ihr zu. Es war der Schmied des Dorfes, in dem sie damals lebte, und dieser Schmied war eine Seele von Mensch. Sie fragte ihn nach dem Krieg von damals. „Ich weiß davon nur, dass keiner überlebt hat, bis auf ein kleines Mädchen und ein Junge. Bekannte aus dem Nachbarsdorf hatten alle Menschen begraben, aber die zwei fehlten. Sie wurden tagelang gesucht, aber man hatte sie nicht gefunden.“
Sie dankte dem Schmied und ging weiter. Ihre Gedanken kreisten um den Jungen, der vielleicht auch überlebt hat. Sie wollte ihn suchen. Aber wo? Sie streifte umher ohne eine Idee. Mittlerweile wurde sie mutlos und gegen Abend suchte sie Schutz im Wald, den sie gut kannte, aß ihren Proviant und holte die Heilkräuter hervor. Sie nahm die Mutschoten und bereitete sich einen Tee damit. Alsbald schlief sie ein und träumte. Sie sah sich als Schlange und eine Stimme sprach: „Nicht umsonst hast du diese Haut. Eine Schlange ist klug, sehr mutig und kann Gut und Böse erkennen. Sie kann alle Landschaften mit Leichtigkeit durchqueren und wenn es sein muss, ist ihr Biss tödlich. Du hast dich bisher ein paar Mal gehäutet und bist zu einer Schönheit herangewachsen. Folge deinem Instinkt und du wirst ihn finden.“
Als sie wach wurde, fühlte sie eine große Kraft in sich. Sie folgte ihrem Instinkt und durchquerte mit Leichtigkeit die Wälder und Wüsten.

Eines Tages kam sie in eine Stadt. Da sie spürte, hier herrscht das Böse, verbarg sie ihre Augen hinter einem Schleier. Sie mischte sich unter das Volk und vernahm, dass hier Kriegsstimmung herrschte. „Cantarus wird uns in den Kampf führen. Er ist unser neuer Anführer“, rief die Masse. Wer mag dieser Mann sein, fragte sie sich und ließ sich mit der Menschenmasse treiben, bis sie zu einem Platz kamen. Dort stand auf einem Podest ein großer, schöner junger Mann in einem prachtvollen Gewand. Die Menschen jubelten ihm zu, doch sahen sie nicht seine traurigen und leeren Augen. Diese fielen Gratiola sofort auf, denn seine Augen passten nicht zu dem ganzen Geschehen. Sie wandte sich von der Masse ab, es dämmerte bereits und sie wollte sich einen Schlafplatz suchen. Weg von dieser Stadt und morgen wollte sie überlegen, was sie weiter tun könnte um den Jungen zu finden.

Nachdem sie eine Weile umherlief , es war bereits dunkel, kam sie an einen kleinen Weiher und als sie auf den Weiher zuging, spürte sie instinktiv, dass jemand in der Nähe ist.
Sie schlich langsam weiter und sah am Rande des Wassers einen Mann stehen. Der drehte sich nicht um, sprach aber freundlich : „Komm her, ich beiße nicht.“ Gratiola war überrascht, aber nicht ängstlich und antwortete: „Hast du hinten Augen?“ Er drehte sich um, es war der Mann, der auf dem Podest gestanden hatte. „Nein, aber deine leuchtenden Augen haben dich verraten. Ich dachte erst an eine Katze, aber so groß? Und als du näher kamst, spürte ich Wärme und Glück in mir. Wer bist du? Wo kommst du her?“ Sie lachte. „So viele Fragen auf einmal“, und ging auf ihn zu. Er sprach: „Ein solches Gefühl hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr.“ Er schaute ihr tief in die Augen und wurde still. Was sah er da? Ein Dorf, liebe nette Menschen, seine Eltern, Krieg, er war ein kleiner Junge und wurde entführt. Es traf ihn wie ein Schlag und er schaute sie verwundert an.

Gratiola erzählte ihre Geschichte und sie wussten jetzt, dass sie beide aus dem Dorf stammen. „Ich suchte dich und habe dich gefunden“, sprach sie zärtlich. Sie schauten sich lange an und ohne Worte nahmen sie sich weinend in die Arme. Dann sprach er mit ganz weicher Stimme :“ Ich wusste, dass ich nicht für den Krieg geschaffen bin, aber sie haben mir keine andere Wahl gelassen. Bereits als kleiner Junge musste ich das Kämpfen lernen und war immer sehr unglücklich damit.“ „Was tun wir jetzt?“, fragte Gratiola . „Wir müssen hier weg und zwar gleich. Ich gehe nicht mehr zurück“, erwiderte er mit fester Stimme. „Sie werden mich erst morgen früh vermissen, somit haben wir jetzt nur die Nacht. Wir müssen vorsichtig sein, überall sind Wachen.“
Gratiola erinnerte sich an das Kästchen von Alchemilla mit den Schnurrhaaren. Sie nahm das eine heraus und strich damit über ihre Augen. Es brannte ein wenig in ihren Augen und alsbald erhellte sich der Wald. Sie klärte Cantarus auf und er vertraute sich ihr an. Nach einiger Zeit wusste sie nicht weiter, wohin sollten sie gehen? Ah, sie nahm das Schnurrhaar heraus, über das sie sich lustig gemacht hatte, aber jetzt brauchen könnte. Sie setzten sich auf den Waldboden und Gratiola legte das Schnurrhaar auf einen bemoosten Stein. Es dauerte nicht lange und eine Maus kam und schnüffelte an dem Haar. Gratiola nahm die Maus in die Hand. Sie verhielt sich ganz still und schaute Gratiola in die Augen. Beide wussten was zu tun ist. Sie setzte die Maus ab und diese lief vor und zeigte ihnen den Weg, vorbei an den Wachen, durch die Stadt und mehrere Wälder. Dann hielt sie an und sprach: „Ruht euch erst einmal aus, nur seid vorsichtig, hier gibt es viele Raubtiere. Ich kann euch nicht weiter führen“; und lief davon.

Das letzte Schnurrhaar, dachte Gratiola. Holte es heraus und legte es sich in die offene Hand. Es zeigte, wie ein Kompass, in eine Richtung. Sie gingen ein Stück in Richtung einer Wiese und sahen dort einen kleinen Eingang. Gerade so groß, dass sie hineinpassten. Es war ein Bau. Völlig erschöpft legten sie sich in den warmen, weichen Bau und schliefen ein.
Am nächsten Morgen wurden beide durch Stimmen geweckt.
„Hier wächst das Großherzglöckchen“, rief ein Stimme. „Schau mal!“ „Ach, es hat sich aus unserem Garten in die Welt verstreut“, antwortete eine andere Stimme.
Gratiola lächelte und schaute aus dem Bau. Alchemilla hüpfte auf der Wiese fröhlich hin und her und Hippophae sammelte in einem Korb einige Kräuter.
„Hey, ihr beiden“, rief Gratiola.
„Neeeiiin“, Alchemilla überschlug sich vor Freude. „Komm heraus!“
Beide krochen aus dem Bau und Hippophae lächelte wissend. „Ich habe euch bereits gestern erwartet“, sprach sie. Da Gratiola sie kannte, lächelte sie ebenfalls.
Es gab große Umarmungen und anschließend ein Fest mit Dattelschleim und Veilchenschaum. Alles mussten die beiden erzählen.
Zum Schluss schauten sich Gratiola und Cantarus in die Augen und wussten um ihre Liebe zueinander und dass sie hier ihr Zuhause gefunden haben.
Nach dem langen und aufregenden Tag, gingen alle glücklich schlafen.

Am nächsten Morgen erwachte Gratiola und bemerkte, dass ihre Haut sich verändert hatte. Die Schlangenhaut war weg. Sie hatte in der Nacht wieder einen Traum in dem eine Stimme sprach:
„Die Schlangenhaut hat jetzt ausgedient. Sie hat dich beschützt und bis hierhergebracht. Hier, wo die Liebe herrscht und dein Zuhause ist.“