Lilaia lebte mit ihrem Vater in einer armseligen Behausung.
Haus konnte man es nicht mehr nennen. Es war einmal ein schönes, kleines Haus mit einem bezaubernden Garten, in dem Gemüse wuchs und es eine Ecke mit Blumen gab, die die Mutter von Lilaia abschnitt, in Vasen stellte und im Haus verteilte.
Das ganze Haus roch nach ihnen und jeden Sonntag kam noch der köstliche Geruch von frisch gebackenen Kuchen hinzu.
Das war aber bereits vor über zehn Jahren und nach dem Tod seiner Frau , vernachlässigte der Mann nicht nur das Haus, sondern auch seine Tochter.
Er wurde arbeitslos und trank zu viel, war mit sich und seiner Welt in keinster Weise mehr zufrieden.
Mit seiner Tochter, die zu der Zeit Anfang zwanzig war, stritt er sich bereits seit Jahren.
Nichts konnte sie ihm recht machen.

Eines Abends, nachdem er wieder einmal zu viel getrunken hatte und einen Streit mit Lilaia begann, wehrte sie sich zum ersten Mal. „Du alter Trunkenbold, du hast mir gar nichts mehr zu sagen. Egal was ich tue, in deinen Augen ist immer alles falsch. Ich werde bald gehen, ich halte es hier nicht mehr aus.“
Sie liebte ihren Vater, aber sie sah sich außerstande ihm zu helfen. So gut es ging versorgte sie ihn, aber sie hatte diese ewigen Beschimpfungen satt. Sollte er sich doch zu Tode trinken.
„Ja, dann geh doch“, lallte er.
Und immer wieder sagte er: „Ich wünsche dich auf die Venus; von der sprach immer deine Mutter. Der Planet der Liebe- ha, dass ich nicht lache.“ Er war so zynisch und trank die Flasche leer. Immer wieder murmelte er den Satz: “ Ich wünsch dich auf die Venus“, bis er am Tisch einschlief.

Am nächsten Morgen wachte er auf und suchte Lilaia. „Wo bist du, ich hab‘ Hunger, komm her und mach mir was!“
Aber Lilaia war nicht da. Er suchte sie im ganzen Haus. Vielleicht ist sie einkaufen, hoffentlich vergisst sie meinen Rum nicht, dachte er.
Aber sie kam nicht. Nicht heute, nicht den Tag darauf und auch nicht einen Monat später…………..

Zur selben Zeit lebte in einem abgelegenen Dorf ein junger Mann, und dieser, war der Lehrer des Dorfes. Er hatte zehn Schüler aller Altersklassen und er führte ein überschaubares Leben. Seine größte Freude war es, die Sterne mit einem Fernrohr anzuschauen. Er hatte das Fernrohr von seinem Vater geschenkt bekommen und war bereits als kleiner Junge von der Sternenwelt begeistert. Allabendlich schaute er durch das Glas ins Universum.
Andere junge Männer gingen aus, aber er verbrachte lieber seine Freizeit mit dem Fernrohr und den Büchern über Astronomie.
Eines Abends, dazu muß man wissen, er lebte regelrecht mit den Gestirnen, verabschiedete er sich gerade von der so schön hell leuchtenden Venus, als es geschah. Seltsam, murmelte er. Was ist denn das? Ein Feuer auf der Venus? Nein, das ist etwas anderes. Er drehte am Fernrohr und kniff die Augen zusammen, so angestrengt schaute er. Es war ein heller Blitz zu sehen, ich habe mich nicht getäuscht. Ah, da ist etwas.
Er erschrak, kippte fast hinten über.
Nein, das kann nicht sein. Ein Mädchen? Ich spinne. Ich bin übermüdet. Aber er konnte seine Augen nicht von dem Glas nehmen.
Ein Mädchen auf der Venus……………

Im gleichen Moment erschrak die Venus. Ein Mädchen stand, wie aus heiterem Himmel, auf einmal auf ihr. Da die Venus eine liebevolle Art hatte und sie das Mädchen nicht erschrecken wollte, ließ sie aus ihrem Inneren ein Gas verströmen, welches das Mädchen erst einmal benebelte. Die legte sich hin und schlief.
Währenddessen rief die Venus ihren Freund Neptun.:“Neptun, du mußt mir helfen, du wirst es nicht glauben, aber ein Menschenkind ist hier bei mir!“
Neptun rief: „Ach Venus, du hast wohl zu viel von deinem Gas genascht!“
„Nein“, verteidigte sie sich, „komm vorbei und schau sie dir an.“
Neptun setzte sich in Bewegung, veränderte seine Umlaufbahn und sah sie tatsächlich auf der Venus liegen. „Was mache ich mit ihr“, flüsterte die Venus, um sie nicht zu wecken.
„Schubs sie runter“, grummelte Neptun.
„Nein, das mache ich nicht“, antwortete sie empört.
„Was hälst du davon, wenn ich dir meine Nymphen rüberschicke. Sie können sich um das Menschenkind kümmern. Ich schicke dir meine geliebte Kleodora und Midaia.“
„Das ist eine gute Idee“, rief die Venus hinüber.
Neptun rief seine Nymphen, gab ihnen die Meer-Pferde und schickte sie zur Venus. Die Nymhen freuten sich. Endlich ist mal wieder was los.

Als sie auf der Venus landeten, sahen sie das Mädchen. Da die Nymphen laut redeten, erwachte Lilaia. Sie begrüßten Lilaia ganz freundlich, hatten ihr zauberhafte Gewänder und herrlichen Muschelschmuck mitgebracht und wollten gleich ein Fest feiern. Sie liebten es zu feiern. „Wie heißt du?“, fragte Kleodora sie und als Antwort kam : „Lilaia“.
Die Nymphen tanzten um sie herum und freuten sich. „Lilaia ist ein Nymphenname“, sprach Kleodora . „Ach, das wusste ich nicht, typisch für meine Mutter. Sie liebte die Sterne und die Naturgeister. Leider ist sie schon lange tot.“
„Jetzt hast du uns“, beteuerte Midaia und fragte die Venus, ob sie Lilaia mit zu Neptun nehmen dürften, in ihr Reich. Die Venus wusste nicht, was die beiden Nymphen sich ausgedacht hatten. Sie wollten Lilaia schmücken und sie Neptun als seine neue Frau präsentieren. Er was schon so lange unzufrieden und hatte an allem etwas auszusetzen. Vielleicht könnte ihn eine schöne, neue Frau besänftigen.
Venus dachte bei sich, sie wird hier zu allein sein. „Na gut, nehmt sie mit.“
Rasch packten sie alles ein und auch Lilaia wurde auf eines der Meer-Pferde gesetzt.

Konrad, so hieß der junge Lehrer, war unterdessen so vertieft in dem Fernrohr-Geschehen, dass er kaum zu atmen wagte. Alles hatte alles mit angesehen. Jetzt schwebten die Meer-Pferde gerade auf Neptun zu.

Die anderen Nymphen hatten bereits ein Fest vorbereitet und als sie von Kleodoras und Midaias Plan erfuhren, kreischten sie vor Vergnügen. Lilaia bekam ein paar Wortfetzen mit und fragte, was denn los sei. „Freu dich, du bist so schön und würdig, eine Frau für Neptun zu sein. Wir schmücken dich und er wird bestimmt zufrieden sein.“
„Werde ich auch mal gefragt?“, schrie sie.
„Nein, hier ist das so. Du hast keine Wahl“, erwiderten die Nymphen. „Schlaf erst einmal und in zwei Tagen findet das Fest statt.“

Konrad sah, das Lilaia wütend war. Sie wurde festgehalten und in eine Art Zelt eingesperrt, mit Wachen davor.
Was ist da los, fragte er sich. Das Mädchen braucht Hilfe. Hilfe, ich spinne doch. Sie ist Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Ich geh‘ schlafen, ich glaube mein Geist spielt mir einen Streich. Er ging zu Bett und schlief sehr unruhig. Da er erst am nächsten Abend wieder schauen konnte und sehr aufgeregt war, was er wohl sehen würde, war der nächste Tag eine Last für ihn. Er ließ die Schüler einen langen Aufsatz schreiben und schickte sie früher nach Hause. Als es dunkel wurde, schaute er gleich durch sein Fernrohr. Große Aufruhr war zu sehen und nach einiger Zeit erblickte er Lilaia. Sie weinte und weinte. Die Nymphen waren ungeduldig und schimpften mit ihr. Sie fesselten sie und brachten das Mädchen wieder in das Zelt– ach nein, Wolken. Konrad konnte nichts mehr sehen. Den ganzen Abend ging ihm das Mädchen nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwann schlief er auf dem Sofa ein und wachte verstört auf.
7 Uhr – ahhh, so spät- schnell zur Schule.

Die Schüler waren bereits im Klassenzimmer. Sie sprangen hin und her und kreischten. Konrad war ungehalten: „Setzt euch, holt eure Hefte raus, wir schreiben ein Diktat!“
Die Schüler gehorchten verschreckt, kannten sie ihren Lehrer doch  s o  nicht.
„Schreibt.“- In Gedanken war er völlig bei dem Mädchen- „Ich wünsche mir, sie ist wieder auf der Erde.“
Da es auch kleinere Kinder gab, musste er den Satz 7 Mal wiederholen. Er schaute auf die Uhr. Der eine Satz dauerte bereits 13 Minuten.
Die Kinder wurden auf einmal unruhig. Sie zeigten in Richtung Fenster.
Am Fenster stand eine junge Frau. Sie war geschmückt und wunderschön.
Konrad schaute zum Fenster. Nein, das kann nicht sein. Und doch. Er sprach in 13 Minuten, 7 Mal den Satz : “ Ich wünsche mir, sie ist wieder auf der Erde.“
Lilaias Vater sprach den Satz : „Ich wünsche dich auf die Venus“, 7 Mal in 13 Minuten!

Seit also vorsichtig mit den magischen Zahlen 7 und 13 !
Wer weiß, wenn ihr jemanden zum Mond wünscht………………….

Lilaia blieb übrigens bei Konrad.
Sie holten ihren Vater aus dem verfallenen Haus. Er rührte seit dem Verschwinden von Lilaia keinen Tropfen Rum mehr an.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann hören sie des öfteren noch die traurigen Gesänge der Nymphen, weil Neptun wieder einmal schlechte Laune hat.