In allen Medien wird die Schönheit, die Attraktivität als etwas  erstrebenswertes propagiert. Wer schön ist, hat es leichter im Leben, hat überall Vorteile, Frauen bekommen die „besten“ Männer, hat bessere Jobs, ist glücklicher und hat mehr Freude am Leben.
Nur stimmt das?
Oder bringt die Schönheit auch Probleme mit sich?
Sind Neid, Konkurrenzdenken, Eifersucht und oberflächliches Denken ( schön gleich dumm, hochnäsig, oberflächlich, berechnend usw.) nicht die Schattenseiten von Schönheit?
Oder liegt die Schönheit in den Augen des Betrachters?
Dr. Hook singt dazu: „When you’re in Love with a beautiful Woman“- hast du es schwer, jeder will sie und du kämpfst allein gegen alle, die sie begehren.

Märchen oder Wahrheit

Es war Winter, klirrend kalt und es schneite.
Hoch oben im Himmel bildete sich eine Schneeflocke. Sie schwebte in der Luft und wollte nicht auf die Erde. Die anderen Schneeflocken riefen ihr zu: „Komm, das ist deine Bestimmung und wenn du Glück hast, bauen Kinder mit dir einen Schneemann.“
„Nein“, rief sie, „ich will so nicht enden“, und schwebte weiter in der Luft herum.
Sie schwebte hin und her, kreuz und quer und störte die anderen Schneeflocken beim Herabfallen. So ging es den ganzen Tag.

Wie aus heiterem Himmel blies auf einmal ein kräftiger Sturm. Es blitzte und donnerte und eine laute Stimme ertönte :“Was willst du denn? Sag sofort was du willst, damit hier wieder Ordnung herrscht!“
Die Schneeflocke erschrak und fragte mit kleinlauter Stimme : „Bin ich gemeint?“
„Wer sonst , wer sonst stört den Ablauf des Wetters, also was ist?“
„Ich, ich,“ stotterte die Schneeflocke, „ich will ein Mensch sein, eine Frau, und schön, denn schöne Frauen haben ein schönes Leben- so!“
„Ein Mensch, eine Frau und schön, wo hat sie das denn her?“ Die Stimme grummelte: „Da bitte ich einmal die Sonne, nur eine Stunde auf das Wetter aufzupassen und was treibt sie? Erschafft eine eigenwillige und dickköpfige Schneeflocke, die auch noch Mensch werden will. Schnee ist schließlich eine ernste Sache. Die Menschen sollen in ihren Häusern bleiben und sich ausruhen und Kräfte sammeln nach dem anstrengenden Sommer. Aber was macht sie – ich ärgere mich immer wieder über sie – sie scheint, ja scheint! Schnee und Sonne! Dann gehen die Menschen natürlich raus, statt drinnen zu bleiben.
Ich muss ein ernstes Wort mit ihr reden, ohhhrr, wenn ich sie nicht so lieben würde, dieses eigenwillige und verspielte Frauenzimmer und sie ist sooo schön. Aber das geht jetzt entschieden zu weit. Na gut, damit endlich Ruhe ist“, die Stimme wurde ganz laut, „so sei es!“ Der Sturm legte sich, es wurde ganz leise, nur ein Hauch von Wind war zu spüren und dieser trug die Schneeflocke sanft mit sich.

Während sie so schwebte, wurde sie immer größer, Umrisse eines Körpers wurden sichtbar und als der Wind sie auf die Erde absetzte, war aus ihr das schönste Wesen geworden, was man sich nur vorstellen kann.
Sie war schön wie die Sonne, hatte ein warmes Lächeln und war – eigenwillig!
Da der Wettergott beim Erschaffen dieser strahlend-wunderschönen Frau an seine doch so geliebte Sonne dachte, erschuf er sie nach seinen verliebten Gedanken.
Er rief ihr noch nach: „Dein Name ist Fjolla. Er soll dich an deine Herkunft erinnern.“

Sie schaute sich an – hmm, so ist das also als Mensch. Da sie nur ein dünnes Sommerkleid trug, was sie dem verliebten Wettergott zu verdanken hatte, fror sie bereits nach ein paar Minuten. Brrr- ich brauche etwas Warmes zum Anziehen, dachte sie und lief los.
In der Nähe war ein Dorf und sie steuerte auf das erste Haus zu. Sie klopfte an und ein Mann öffnete die Tür. Der Mann schaute sie an und es verschlug ihm die Sprache.
„Wer ist da?“, fragte eine weibliche Stimme von drinnen. „Ich, ich weiß nicht“, stotterte der Mann. Die andere Stimme kam näher :“Wie, du weißt nicht?“ Es war seine Frau und als sie die so strahlend schöne Frau sah, erschrak sie und schloss ohne Worte die Tür.
Fjolla stand enttäuscht vor der verschlossenen Tür. Warum schloss die Frau die Tür, dachte sie. Aber da sie so fror, hatte sie keine Zeit mehr darüber nachzudenken und ging zum nächsten Haus, wo sie genau das gleiche wieder erleben musste. Abschätzige Blicke und Anfeindungen. Was ist nur mit mir? Und als sie sich das fragte, kam sie an das letzte Haus des Dorfes. Wieder öffnete ein Mann. Sie erwartete bereits eine Frau, die ihr die Tür vor der Nase zuschlug.

Aber dieses Mal war es anders. „Ja bitte?“, fragte sie der Mann. Endlich, dachte Fjolla und zitterte bereits vor Kälte. „Ich bräuchte warme Kleidung und etwas zu essen.“
„Komm herein, du klingst ja furchtbar“, sagte er mit warmer Stimme.
Sie trat ein und es war so schön warm in dem Zimmer. Ein Feuer brannte und er drückte ihr sofort einen Becher heißen Tee in die Hand. „Trink, ich habe noch heiße Suppe und gleich suche ich dir etwas Warmes zum Anziehen heraus. Darf ich dich kurz berühren, um zu sehen, was du für eine Figur hast?“
Jetzt erst sah sie, dass der Mann blind war und jetzt entdeckte sie auch seinen großen Hund, der in einem Korb lag und sie anschaute.
„Ich wusste ja nicht…..“, stammelte Fjolla. „Ist schon gut, woher sollst du auch wissen, dass ich blind bin. Ich heiße Thaumas und das ist mein Hund Jasper.“
Jasper schaute kurz hoch und legte sich mit einem wohligen Schmatzen wieder hin.
Thaumas gab ihr einen Teller Suppe und sie setzte sich damit in einem Sessel, der vor dem Kamin stand. Er ging unterdessen in einen Nebenraum. Fjolla schaute sich um. In dem Raum waren unzählige Bücher, aber er war doch blind? Sie nahm ein Buch in die Hand, das auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel lag. Es war kein Buch im herkömmlichen Sinne. Die Seiten waren bestückt mit kleinen Erhebungen. Was bedeutete das?

Als Thaumas mit einer warmen Hose, Pullover und dicken Strümpfen zurückkam, die wohl ihm gehörten, ihr aber einigermaßen passten, fragte sie ihn beim Anziehen der Sachen, nach den Büchern.
„Es sind Bücher für blinde Menschen, sie sind in Blindenschrift verfasst. Ich bin mit sieben Jahren durch eine Krankheit blind geworden. Meine liebste Beschäftigung war damals das Lesen. Mein Vater hatte viele Bücher, er war der Lehrer des Dorfes und weil ich nicht mehr sehen konnte, hatte er diese Schrift erfunden und Bücher in dieser Schrift übersetzt. Das mache heute ich. Ein Junge aus dem Dorf kommt jeden Nachmittag und liest mir dazu vor.
Übrigens fahre ich in zwei Tagen in die Stadt um die Übersetzungen abzugeben und mir einen neuen Auftrag abzuholen. Komm doch mit, dann können wir dir passende Kleidung besorgen.“
„Eine gute Idee“, erwiderte Fjolla bereits schläfrig von der Wärme. Sie fühlte sich hier so wohl und es dauerte nicht lang und sie schlief ein. Thaumas bemerkte dies lächelnd, nahm sie auf den Arm und brachte sie in sein Bett. Deckte sie liebevoll zu und legte sich selbst auf das Sofa.

Am nächsten Morgen, sie wurde gerade wach, stand Thaumas mit einem Frühstück bereits am Bett. Jasper stand neben ihm und schaute Fjolla interessiert an.
Er war so geschickt in allem, trotz seiner Blindheit und sie vergaß fast, dass er es war.
Beide verbrachten einen schönen Tag miteinander. Tobten mit Jasper im Schnee, kochten sich etwas Leckeres zu essen, tranken Tee und unterhielten sich angeregt über Gott und die Welt. Ihre beiden Welten schienen gut zusammenzupassen.
Am Tag darauf kam Freund Hanne und fuhr die beiden mit dem Pferdeschlitten in die Stadt. Fjolla genoss die Fahrt, eingehüllt in Decken und an Thaumas Seite.

In der Stadt angekommen, gingen sie in ein Geschäft, damit Fjolla sich warme Kleidung kaufen konnte. Der Verkäufer schaute sie bewundernsvoll an und sprach :“Für eine solch schöne Frau, suche ich gern etwas Besonderes heraus. Vielleicht dieses Kleid aus feinster Wolle und dazu diese Stiefel aus ganz edlem Leder. Ich hätte da noch einen Mantel und Handschuhe, die zwar kaum ihrer Schönheit würdig sind, aber es ist das Beste was ich habe. Probieren sie doch alles an.“ Er konnte seine Augen kaum von ihr lassen.
Thaumas hatte Fjolla überredet, ihr die Kleidung zu schenken und wenn sie es unbedingt wolle, könne sie ihm ja eines Tages den Betrag zurückgeben.
„Gefallen dir die Sachen?“, fragte Thaumas. „Sie sind himmlisch, so schön. Ich lasse sie gleich an“, sprach Fjolla begeistert. „Gut, dann nehmen wir sie“, sprach er und freute sich für sie.
Der Verkäufer aber sagte schmeichelnd und mit einem merkwürdigen Unterton: „Nein, ich schenke es der schönen Dame“, und zu Fjolla gewandt sprach er weiter, „vielleicht können wir ja einmal zusammen Tee trinken?“
Thaumas warf das Geld auf den Tisch, schnappte sich Fjolla und sie verließen das Geschäft. „Thaumas, was machst du. Er wollte doch nur nett sein.“ „Nein“, erwiderte er, „er will dich besitzen!“ „Ach, was du so denkst. Ich finde ihn sehr nett.“ Sie stritten sich. Wollte Thaumas sie doch nur beschützen.

Aber ihre Abenteuerlust war nicht aufzuhalten. „Ich bleibe in der Stadt und suche mir eine Arbeit“, entschied sie letztendlich.
„Wie du willst“, sprach Thaumas enttäuscht und fuhr schon bald mit seinem Freund zurück.
Fjolla aber war fasziniert von der Stadt. Es gab so viel zu sehen und sie hegte keinen Gedanken daran, wo sie übernachten könnte. Thaumas hatte ihr voller Sorgen noch Geld für Essen gegeben . Sie setzte sich in ein Gasthaus und bestellte sich etwas zu trinken. Hier waren viele Männer, die sie begutachteten und es dauerte nicht lange , bis ein Mann an ihren Tisch kam und sie fragte, ob er sich zu ihr setzten dürfe. „Ja gern“, Fjolla war so hingerissen von all den neuen Eindrücken und der Wirkung, die sie anscheinend auf Männer hatte, dass sie alle Vorsicht außer Acht ließ.
Der Mann sprach ihr Komplimente aus und lud sie ein bei sich zu übernachten, nachdem er ihre Geschichte gehört hatte. Sie fand ihn sehr sympathisch, sie lachten viel miteinander und zu später Stunde ging sie mit ihm mit.
In seinem Haus angekommen, zeigte er ihr den Schlafplatz. Er zögerte nicht lange , nahm sie in seine Arme und wollte sie küssen. Fjolla erschrak :“Nein!“
„Warum nicht, eine wie du, so wie du aussiehst, die will das doch“, kam es mit ärgerlicher Stimme aus ihm heraus. „Lass mich!“ Sie riss sich los und stürmte aus dem Haus. Draußen war es klirrende Kälte und das Mäntelchen war zwar schön, aber hielt sie nicht warm. Auch die feinen Stiefel waren aus dünnem Leder und sie hatte schnell eiskalte Füße.

Wohin jetzt, dachte sie bestürzt und es fiel ihr der Verkäufer von dem Laden ein. Sie lief schnell und zitterte vor Kälte. In dem Laden brannte noch Licht und sie trat ein. Der Verkäufer bat sie, doch näher zu kommen und schloss die Tür hinter ihr ab. „Kommen sie also doch noch vorbei, schön, ich freue mich.“ Es war herrlich warm in dem Raum und der Mann machte einen vertrauensvollen Eindruck. „Ziehen sie doch ihren Mantel aus und setzen sich hier her“, er zeigte auf das Sofa vor dem Kamin und beide setzten sich darauf. „Hier, nehmen sie“, sagte er gut gelaunt. Es war ein Becher mit einer süß herben Flüssigkeit. Sie trank ihn hastig aus, weil sie dachte, dass der Tee sie wärmen würde. Und das tat er auch, aber anders als sonst. Sie fühlte sich auf einmal so leicht, so übermütig und sorglos. Ein herrliches Gefühl!
Der Mann trank ebenfalls seinen Becher aus und schaute sie merkwürdig an. „Ich hätte da noch eine schöne goldene Kette mit Edelsteinen, die dir sicher gut stehen würde. Ich hole sie mal.“ Er wankte in den Verkaufsraum, kam zurück , zeigte ihr die Kette und legte sie Fjolla forsch um den Hals. Dabei drückte er seinen Körper an den ihren. Fjolla war zwar benommen von dem Getränk, aber sie spürte, hier stimmte etwas nicht. Sie sprang auf und beschimpfte ihn :“Was denken sie von mir?“ „So wie du aussiehst, willst du das doch!“ Sie lief zur Tür, aber sie war verschlossen. Ihr Herz pochte laut und sie bekam Angst, die aber schnell in Wut umschlug und sie schrie ihn an :“ Schließen sie sofort die Tür auf. Ich habe mich so ihn ihnen getäuscht und wenn sie nicht gleich aufschließen, dann schreie ich ganz laut!“
Er schloss die Tür auf und sie lief ins Freie. Fjolla zitterte am ganzen Körper, zumal sie auch noch den Mantel dagelassen hatte.

Das nächste Haus war nicht weit und sie läutete an der Tür. Eine Frau öffnete und ein Mann schaute ihr über die Schulter. „Was willst du hier?“, fragte die Frau schroff. „Geh, so eine wie dich brauchen wir hier nicht“, und schloss die Tür.
Was ist bloß los mit mir, fragte sie sich und schlich in eine, am Haus angrenzende Scheune.
Sie legte sich zu den Schafen und bedeckte sich mit Stroh. Sie dachte bei sich, ich wollte so gern ein Mensch sein, eine schöne Frau und die Welt kennenlernen. Aber die Schönheit scheint ein Fluch zu sein. Die Frauen verabscheuen mich und die Männer wollen nur das Eine von mir. Ich will kein Mensch mehr sein, aber ein Zurück gibt es wohl nicht mehr.
Sie schlief ein paar Stunden und als es hell wurde, fand sie in der Scheune einen alten Mantel aus Schaffell, der ihr viel zu groß war, den sie aber trotzdem anzog. In einer Ecke standen alte Stiefel und auch die waren zu groß, aber das war ihr egal. Sie war schmutzig und roch stark nach Stall. Mit dem zu großen, alten Mantel und den zu großen Stiefeln, ergab sie einen ganz traurigen Anblick.
Hunger quälte sie und trieb sie wieder in die Stadt.

Dieses Mal vertrieben die Menschen sie nicht wegen ihrer Schönheit, sondern weil in ihrer schönen und sauberen Stadt, schmutzige und arme Leute nichts zu suchen haben.
Sie irrte umher und nach Stunden in der Kälte brach sie zusammen.
Jetzt bin ich doch wieder eine Schneeflocke und werde dahinschmelzen, waren ihre letzten Gedanken.

Als sie aufwachte, befand sie sich in einem Raum, den sie bereits kannte. Neben dem Bett, in dem sie lag, stand ein Hund und schaute sie an. „Jasper“, hauchte sie mit schwacher Stimme. Er bellte und kurz darauf kam Thaumas ins Zimmer.
„Fjolla, Gott sei Dank. Hanne, mein Freund, hat dich im Schnee gefunden. Er war gerade auf dem Weg in die Stadt. Sofort brachte er dich her. Komm, trink den Tee und ich bringe dir gleich etwas zu essen.“ Fjolla war so gerührt von Thaumas. Machte er ihr doch keine Vorwürfe, sondern schien einfach nur glücklich zu sein, dass sie bei ihm ist.

Als sie später beieinander saßen , spürte Fjolla die Wärme und Liebe, die zwischen ihnen war und Thaumas sagte liebevoll :
„Ich werde nie deine äußere Schönheit sehen, aber ich sehe etwas viel Wertvolleres – ich sehe deine Herzenswärme und deine Güte und das macht dich für mich wunderschön, egal wie du aussehen magst.
Ich liebe nicht dein Äußeres, sondern dein wahres Wesen. D a s macht mich glücklich.