Es ist die Geschichte von dem Mädchen Jassy, was Mond bedeutet.
Jassy lebte bei ihren Großeltern in der Nähe von Husum, einer kleinen, gemütlichen Hafenstadt an der Nordsee.
Ihr Vater war vor einem Jahr gestorben, da war sie 16 Jahre alt.
Sie lebte bis dahin mit ihm allein, mehr oder weniger aus dem Koffer. Ihr Vater war Botaniker und immer auf der Suche nach neuen Heilpflanzen. Die beiden reisten um die halbe Welt.
Um die Bildung seiner Tochter kümmerte er sich selbst , wobei sie ausserdem Unterstützung durch eine Fernschule erhielt.
Als der Vater bei einem Unfall starb, nahmen seine Eltern Jassy bei sich auf. Ihre Großeltern waren ganz liebe Leute, mit einem ruhigen Gemüt, so wie man es von Nordfriesen erwartet. Sie hatten ihren Sohn und ihr Enkelkind nur selten gesehen und nahmen das Mädchen gern bei sich auf und freuten sich, dass es ihr von Tag zu Tag besser ging und ihre Lebenslust wieder offensichtlich wurde.

Nach ein paar Monaten meldete sie sich in der hiesigen Schule an, um ihr Abitur zu machen.
Sie war ein aufgewecktes Mädchen, sprach mehrere Sprachen, u.a. Englisch, Spanisch, Portugiesisch und eine Sprache, die sie besonders liebte, die aber niemand, außer ihren Vater und sie, sprach. Als Kind dachte sie immer, es sei eine Geheimsprache zwischen ihnen beiden, aber mittlerweile wusste sie, dass es eine Stammessprache aus dem Amazonasgebiet ist. Ihr Vater erklärte ihr einmal, es hätte ihm einfach nur Spaß gemacht sie zu lernen und sie eben mit seiner Tochter als eine Art Geheimsprache zu verwenden.

Jassy war ausgesprochen hübsch. Sie hatte lange, schwarze Haare und dunkle, fast schwarze Augen. Ihr Teint sah aus, wie leicht gebräunt. Am liebsten trug sie Hosen, T-Shirt und derbe Stiefel. „Mädchen“, sagte oftmals ihre Großmutter, „zieh dich doch mal hübsch an.“
„Ach Omi, so fühle ich mich am wohlsten!“, lachte sie zurück.
Sie lebte gern hier an der See. Endlich mal ein Zuhause, endlich ein eigenes Bett und die Großeltern waren so lieb zu ihr. Gern ging sie stundenlang am Strand spazieren und half dem Großvater liebend gern bei der Feldarbeit. Die Großeltern betrieben einen ökologischen Obst- und Gemüseanbau.
Ihren Vater vermisste sie aber doch sehr.
In die Schule zu gehen, hatte sie allerdings keine rechte Lust, aber die Großeltern versprachen ihrem Sohn, falls ihm etwas passieren sollte, sie weiter zur Schule zu schicken.
Dazu muss man noch erwähnen, dass Jassy sich ungern in geschlossenen Räumen aufhielt und dann noch mit vielen Menschen zusammen, bereitete ihr große Probleme.
Aber sie wollte es versuchen, dauerte die Schule doch nur noch ein Jahr.

Am ersten Schultag hatte sie bereits Schwierigkeiten. Sie konnte kaum stillsitzen und die anderen Jugendlichen nervten sie nur. Es ging immer um Handy, Feiern und gut aussehen in ihren Unterhaltungen, darum setzte sie sich im Klassenraum ganz nach hinten.
Aufgrund ihres exotisch wirkenden Aussehen und ihres bisherigen Leben, hatten die Mitschüler viele Fragen, aber ihre Antworten waren immer knapp und schnell wurde sie zur Außenseiterin, was ihr aber nichts ausmachte. Somit hatte sie ihre Ruhe.
Ihre Merkwürdigkeit, wie die Mitschüler es nannten, wurde untermauert, als sie eines Tages einer Mitschülerin, die auf dem Schulhof gestürzt war, sich den Kopf verletzte und ohnmächtig auf der Erde lag, geholfen hatte. Jassy legte ihre Hand auf das Herz des Mädchen, murmelte ein paar unverständliche Sätze und das Mädchen begann im gleichen Atemrhythmus wie Jassy zu atmen. Sie wachte auf und als der Krankenwagen kam, fühlte sich das Mädchen ein bisschen wie in Trance, aber alles war in Ordnung, was sich später herausstellte.

Für Jassy war es nicht das erste Mal, dass sie so etwas tat. Ein innerer Antrieb forderte sie auf zu helfen und zu handeln.
Was die Mitschüler nicht bemerkt hatten, war, dass Jassy an der Innenseite ihres linken Handgelenk, dort wo der Puls gut fühlbar ist, ein Zeichen hatte. Dieses Zeichen sah aus wie eine Art Schmucknarbe, die kunstvoll angeordnet war. Es war ein Kreis mit einem besonderen Zeichen darin, ähnlich eines Umrisses einer Pflanze. Sie legte nicht ihre Hand auf das Herz des Mädchens, sondern ihr Handgelenk mit dem Zeichen, und dieses glühte dabei.
Jassy kannte das bereits, aber sprach mit niemanden darüber. Sie trug ständig ein Lederarmband über das Zeichen, nur wenn sie innerlich den Ruf bekam zu helfen, nahm sie das Band ab.

Das Jahr verging und sie beendete die Schule . Kurz darauf war ihr achtzehnter Geburtstag.
An dem Tag vor ihrem Geburtstag bekam sie ein Telegramm:
Morgen – Ankunft 11.00 Uhr – Flughafen Husum – Feliz aniversario para voce –
„Oma, Opa, schaut mal!“
Die Großeltern schauten verwundert. „Was mag das sein?“, fragte der Großvater. „Ja, dann fahren wir doch morgen früh nach Husum“, entschied er.
Am nächsten Morgen, alle waren ganz aufgeregt, fuhren die drei in dem alten Pick up vom Opa nach Husum. Am Flughafen musste Jassy einige Papiere unterschreiben und dann brachte man ihr einen Käfig aus der Halle. In dem Käfig saß ein Hund und jaulte erbärmlich . „Ein Hund?“, rief Jassy verwundert. „Hier, nehmen sie ihn bloß mit, der jault schon die ganze Zeit“, sagte einer der Männer, die mit im Flugzeug waren.
Sie holte ihn aus dem Käfig heraus, nahm das kleine Wesen auf den Arm und dieser war sofort ruhig. „Er hat bestimmt Hunger und Durst, lasst uns schnell nach Haus fahren“, sprach die Großmutter mit Nachdruck. Jassy behielt ihn auf dem Arm und dort schlief er bis zu Ankunft. Gleich bekam er Wasser und etwas zu essen. Wie Großmütter so sind, haben sie immer etwas Passendes im Haus. Er aß und trank und schlief völlig erschöpft auf dem Sofa ein.
Die Zollbeamten vom Flughafen hatten Jassy einen Brief ausgehändigt und diesen las sie ihren Großeltern vor:

Meine liebe Jassy,
jetzt bist Du achtzehn Jahre alt geworden. Dies ist mein Geschenk an Dich. Er heißt Lobo und ist ein Mähnenwolf. Er ist ein halbes Jahr alt. Erziehe ihn weise, Du wirst wissen wie. Vertraue Dir. In zwei Jahren nimm ihn mit auf die Reise, dann seid ihr soweit. Bis dahin mein liebes Mädchen werde ich Dich weiter vermissen und die Tage zählen, bis Du mich gefunden hast.
Deine Mutter Maiara

„Oma, Opa, was hat das zu bedeuten?“ Die Großeltern holten beide tief Luft.
„Ja, jetzt ist die Zeit wohl gekommen, dir alles zu erzählen“, erwiderte der Großvater.
Jassy schaute die Großeltern fragend an. Ihr Großvater fing an : “ Dein Vater war mal wieder unterwegs um noch unentdeckte Pflanzen zu suchen. Er war im Amazonasgebiet unterwegs und traf auf einen Eingeborenenstamm, der noch völlig unbekannt im Urwald lebte. Seine Mitarbeiter waren aus der Gegend und warnten deinen Vater, Kontakt zu diesen Menschen aufzunehmen. Aber wie er nun mal war, ließ er sich nichts sagen und ging allein zu dem Dorfplatz. Die Menschen schauten in skeptisch an. Eine Mischung aus Neugierde und doch auch Feindschaft. Er fühlte sich gleich als Störenfried, aber nun stand er dort und wollte das Beste draus machen.

Er versuchte in verschiedenen Sprachen mit ihnen in Kontakt zu kommen, aber es entstand ein Tumult, ein verwirrendes, lärmendes Durcheinander von aufgeregten Menschen.
Bis auf einmal absolute Stille und Ruhe herrschte und eine Frau auf den Platz kam. Sie trug ein wildes Gewand aus Federn und Fellen. Um ihren Hals trug sie Ketten aus Knochen und Zähnen. In ihrem Gesicht hatte sie eine wunderschöne Zeichnung mit weißer Farbe. Sie sprach etwas, was dein Vater nicht verstand, und die Stammesbewohner blieben ruhig. Als sie auf ihn zuging, lächelte sie und er sah ihr wunderschönes Gesicht, die langen schwarzen Haare und die dunklen, fast schwarzen Augen. Sie sprach ihn an, auf Portugiesisch, was er verstand. „Ich heiße Maiara, sei willkommen“, und führte deinen Vater in ein Zelt.

„Opa“, unterbrach ihn Jassy, „sie hieß Maiara, wie aus dem Brief?“
„Jassy, sie ist deine Mutter und sie ist die Schamanin des Dorfes“, erklärte ihr der Großvater.
„Dein Vater erfuhr von ihr, dass Missionare in der Nähe des Dorfes eine Zeitlang lebten und sie von ihnen, neben anderem Wissen, Portugiesisch lernte. Sie war sehr wissbegierig und das freundliche Missionar-Paar, brachte ihr vieles bei, bis diese das Dorf wieder verließen. Deine Mutter war die Tochter einer Schamanin und deren Mutter ebenso. Eine lange Reihe von Frauen, die besondere Fähigkeiten immer wieder weitergaben. Und du hast sie auch.“
„Woher weißt du Opa?“, fragte Jassy. „Ich habe das Zeichen an deinem Handgelenk natürlich gesehen und deine Liebe zur Natur bemerkt. Deine feinfühlige Art und dass du dich immer frei fühlen musst. All die Schamaninnen vor dir wurden bei Vollmond geboren und du auch. Dein Name bedeutet Mond. Sie alle bekamen von ihrer Mutter dieses Zeichen. Dein Vater erzählte uns, dass deine Mutter dafür, am Tag deiner Geburt, ihr Handgelenk auf deines legte und dir somit all die Fähigkeiten übertrug, die auch sie hat. Das Zeichen entsteht allerdings nur, wenn die Tochter dafür berufen ist.“

„Aber erzähl mir, wie ist die Geschichte von Papa und meiner Mutter im Dorf weitergegangen?“, fragte Jassy aufgeregt. „Dein Vater blieb für eine längere Zeit in dem Dorf, daher auch eure Geheimsprache. Deine Mutter zeigte ihm, wo er interessante Pflanzen finden konnte und im Laufe der Zeit verliebten sie sich heimlich ineinander. Die Dorfgemeinschaft akzeptierte ihn mittlerweile. Dann wurde Maiara schwanger, was die Sippe nicht erfahren durfte. Durften doch nur Verbindungen unter den Sippenmitgliedern eingegangen werden. Wenn die Menschen erfahren hätten, dass deine Mutter schwanger war, hätten sie sie verstoßen. Sie konnte es bis zu deiner Geburt verheimlichen. Kurz vor der Geburt gingen die beiden in den Urwald in eine abgelegene Hütte. Deine Mutter erzählte im Dorf, die beiden seien eine längere Zeit unterwegs um Heilpflanzen zu pflücken.
Dein Vater wollte sie mitnehmen, aber ihr Glaube an ihre Berufung ließ das nicht zu. Schweren Herzens legte sie dich in die Arme deines Vaters, mit der Bitte dich zu retten.“

Jetzt verstand Jassy endlich warum sie so anders war. Sie nahm Lobo liebevoll auf den Arm und drückte ihn an sich. Er fühlte sich an, als sei er ein Teil von ihr. Sie kraulte ihn und sah an seinem Bein ….. was sah sie da auf seiner Haut? Er hatte am Bein das gleiche Zeichen wie sie am Handgelenk.
Die Monate vergingen. Jassy arbeitete mit ihren Großeltern auf dem Feld und Lobo war immer dabei. Er war ihr ein und alles geworden. Mittlerweile war er ausgewachsen zu einem hochbeinigen, kräftigen Wolf und folgte ihr auf Schritt und Tritt. Die beiden hatten eine Art telepathischer Verbindung. Jassy brauchte nur ein Kommando denken oder seine Hilfe brauchen, dann war er sofort da und führte es aus.

An ihrem zwanzigsten Geburtstag war es soweit. Ohne große Worte wussten ihre Großeltern und sie, dass es auf die Reise gehen sollte.
Ein paar Tage vor ihrem Geburtstag stöberte die Großmutter auf dem Dachboden herum und kam mit einer Kiste herunter, die sie Jassy gab. Es war eine Kiste von ihrem Vater. In der Kiste waren eine Landkarte vom Amazonasgebiet und eine Wegbeschreibung in das
Javari Tal, wo der Stamm ihrer Mutter lebte. Außerdem befand sich ein Fell darin, eine Art Umhang.
Jassy buchte den Flug, erledigte alle nötigen Papiere, auch für Lobo, und der Tag der Abreise rückte immer näher. Die Großelter wussten, dass Jassy nicht zu halten war und brachten sie, an dem Abflugtag, zum Flughafen.
„Ich komme zurück, macht euch bitte keine Sorgen“, sprach sie aufmunternd, nahm Lobo und die lange Reise begann.

Nach Flug und Schiff, ging es bald nur noch zu Fuß weiter. Sie nahm ihren Rucksack mit den nötigsten Sachen auf den Rücken und machte sich auf den Weg. Die Karte war sehr genau, aber der Weg durch den Urwald war beschwerlich. Sie ernährte sich von den leckeren Früchten, die es hier gab und Lobo jagte für sich Kaninchen und andere Kleintiere.
Als sie den dritten Tag unterwegs waren, stießen sie auf eine Gruppe von Männern. Es waren wilde Burschen, die auf der Suche nach Gold waren. In der Nähe hatten sie ihr Lager und waren wohl schon einige Zeit im Urwald. Als sie Jassy sahen, ahnte sie nichts gutes. Einer der Männer sprach sie an und wurde aufdringlich. Sie tranken gerade Schnaps und sie sollte ihnen Gesellschaft leisten. Jassy lehnte freundlich ab, aber das ließen sie nicht gelten. Der eine griff ihren Arm und wollte sie zu den anderen zerren. Im gleichen Augenblick sprang Lobo ihn an und fletschte die Zähne.
„Du verdammter Köter!“, schrie der Mann. „Erschießt ihn“, schrie ein anderer. Aber Lobo war schnell und biss den Mann mit der Waffe in den Arm.

Jassy und Lobo konnten in dem Wirrwarr entkommen und liefen schnell in den Urwald, der sie wie von Zauberhand zu verschlucken schien. Durch die dichten Blätter waren sie in kürzester Zeit nicht mehr zu sehen.
Mit Vorsicht setzten sie ihren Weg fort und am nächsten Tag erreichten sie das Dorf. Jassy war so aufgeregt. Sie ging auf die erste Hütte zu, aber sie war menschenleer und auch die anderen Hütten. Es schien, als sei das Dorf schon längere Zeit nicht mehr bewohnt.
Was ist hier nur los, dachte Jassy. Sie saß  lange auf dem Dorfplatz und stellt sich vor, wie ihre Mutter hier wohl gelebt hatte.
Lobo wurde langsam unruhig, da fiel ihr der Umhang von ihrer Mutter ein. Sie holte ihn aus dem Rucksack und ließ Lobo daran schnüffeln. Dieser setzte sich gleich in Bewegung und Jassy lief ihm hinterher. „Nicht so schnell Lobo“, rief sie, aber er hatte die Fährte aufgenommen und war nicht mehr zu halten.

Sie liefen zirka eine halbe Stunde, als sie vor einer einsam gelegenen Hütte standen. Rauch stieg aus dem Hüttendach und Jassy befahl Lobo ruhig zu bleiben. Sie schlich sich näher an die Hütte und schaute durch eine offene Tür in den Raum. Dort stand eine Frau und kochte etwas. Jassy nahm ihren ganzen Mut zusammen und sprach die Frau in der „Geheimsprache“ an. Diese drehte sich ruckartig um und strahlte.
„Jassy, mein Mädchen, und Lobo, ihr habt es geschafft!“ „Mama?“, Jassy stand kurz vor dem Weinen. „Ja, kommt herein.“ Maiara umarmte ihre Tochter und sie konnten sich kaum voneinander lösen. Sie sahen sich an und stellten fest, wie ähnlich sie sich sahen.
Maiara drückte Jassy und Lobo im Wechsel. Als sie sich alle ein wenig beruhigt hatten, setzten sie sich an einen Tisch und Maiara erzählte, was geschehen war.

„Eine Gruppe von europäischen Forschern entdeckte den Stamm. Sie waren freundlich zu den Bewohnern und die Dorfgemeinschaft war aufgeschlossen gegenüber den Fremden.
Dann passierte das Schlimme. Einer der Forscher hatte nur eine leichte Grippe, aber dieser Virus konnte von den Stammesmitgliedern nicht abgewehrt werden.
Alle starben daran. Ich hatte alles versucht, aber das ging über meine Macht. Mich hatte es nicht getroffen, weil ich als Kind bei den Missionaren, die etwas abseits vom Dorf lebten, eine Erkältung bekam und dadurch Abwehrstoffe entwickelt hatte. Die Missionare hielten mich vom Dorf fern, hatten sie doch schon von ähnlichen Vorfällen damals gehört und wollten meinen Stamm dadurch schützen.
Die Forscher waren sehr bestürzt .Sie taten alles menschenmögliche, aber nichts half.
Wir verbrannten alle Bewohner und als die Forscher abzogen, wollte ich nicht allein in dem Dorf bleiben und somit kam ich in diese Hütte, in der du geboren wurdest. Hier lebe ich seit einem halben Jahr und habe immer wieder gebetet, du mögest mich finden.“

Sie lebten einige Zeit in der Hütte, und Maiara, was Wissen bedeutet, unterrichtete Jassy in Schamanismus. Sie lernte ihre Sinne zu schärfen und mit dem dritten Auge zu sehen.
Wie sie die Geistwelt wahrnehmen konnte und sich Rat bei ihnen zu holen. Sie machten Trancereisen und Maiara zeigte Jassy bestimmte Rituale zur Wiederherstellung der Gesundheit, für Fruchtbarkeit, für das Wetter, Liebeszauber, für Abschiede, um Schlimmes abzuwehren, Flüche aufzuheben u.v.m.
Sie legte ihrer Tochter einige Amulette um den Hals, als Schutz und Macht ,und lehrte ihr die nötigen Formeln dazu.
Als sie eines abends zusammensaßen, fragte Jassy, wie es denn mit ihnen weitergehen solle.
Maiara schaute Jassy intensiv an und sprach: “ Wir gehen in dein Land. Ich lasse dich nicht mehr allein und hier habe ich niemanden mehr.“
„Ja, laß uns zu den Großeltern gehen. Es ist wirklich schön dort und ohne dich will ich auch nicht mehr sein.“ Sie entschieden, am nächsten Tag ihre Sachen zu packen und loszugehen. Der Weg führte wieder durch den Urwald und am Nachmittag ruhten sie sich ein bisschen aus. Maiara schlief ein und Lobo legte sich ebenfalls schlafen. Jassy aber wollte ein paar Früchte pflücken und entfernte sich ein Stück von den beiden. Als sie gerade eine Frucht vom Baum abpflückte, griffen sie zwei grobe Hände und es wurde ihr der Mund zugehalten. Es waren wieder die Goldsucher, und der eine hatte die Bisswunde von Lobo am Arm.
„Da haben wir dich ja, du kommst jetzt mit“, sagte der Mann mehr als unfreundlich.
Sie schleppten sie in ihr Lager.

Maiara und Lobo wurden unterdessen wach. Beide spürten, hier stimmt etwas nicht.
„Wo ist Jassy?“, fragte Maiara Lobo. Der sprang auf und lief in die Dichte des Waldes.
Maiara lief hinterher. Plötzlich stand Lobo still und Maiara hörte Stimmen. Sie befahl Lobo ruhig zu bleiben. Sie schlich sich weiter und sah die Männer, wie sie Jassy hin und her schubsten. Sie hatten wohl Spaß daran und tranken immer wieder aus einer Flasche.
„Komm her, du wildes Biest!“ ,rief einer der Männer. „Wir haben lange keine Frau gesehen. Stell dich nicht so an, wir wollen doch nur ein bisschen Spaß“, und sie flößten Jassy mit Gewalt den Schnaps ein. Sie wehrte sich so gut es ging, aber vier Männer waren zu viel.

Maiara blieb ganz ruhig. Ihr Blick wurde starr und sie sprach ein paar Formeln. Dann streckte sie die Arme nach oben und als sie die Arme mit einem Ruck nach unten stieß, hörte sie einen Schrei.
Einer der Männer fasste sich ans Herz und fiel zu Boden. Der zweite ebenso und anschließend die anderen beiden. Alle vier lagen auf den Boden.
Maiara kam aus dem Dickicht und lief zu Jassy. „Mama, was ist geschehen?“, fragte sie ganz verwirrt. „Das sind die Kräfte, von denen ich dir erzählt habe. Die Männer werden eine Zeitlang liegen bleiben und können sich nicht rühren. Komm, lass uns schnell von hier weggehen.“

Die drei machten sich schleunigst auf den weiteren Weg und am nächsten Tag kamen sie in eine kleine Stadt. Von dort aus fuhr ein Schiff in zehn Stunden ab. Sie besorgten eine Passage und wollten sich bis dahin in der Stadt umsehen. Hier gab es ungewöhnliche Dinge zu essen, von denen sie einiges mitnahmen und sich Abseits der Menschen setzten.
Sie aßen und freuten sich auf die Zeit, die vor ihnen lag, bemerkten dabei nicht, dass sie beobachtet wurden.
„Die wollte uns umbringen, jetzt ist sie reif!“, kam es wütend von einem Mann mit einer Bisswunde am Arm. Die Goldsucher hatten, nachdem sie wieder aufstehen konnten, sofort die Verfolgung aufgenommen, aber eigentlich war es eher Zufall, dass sie die Frauen hier entdeckten.

Lobo wurde unruhig. Er witterte Gefahr. Aber Maiara und Jassy waren so in ihrem Gespräch vertieft, dass sie ihm nur nebenbei immer wieder befahlen, ruhig zu bleiben.
Der Mann mit der Bisswunde schlich sich an die beiden heran, er zückte sein Messer und ehe Lobo und die Frauen reagieren konnten, stach er zu. Er traf Maiara und rannte sofort davon. Lobo lief ihm nach und biß ihn ins Bein. Er fiel hin und Lobo biss weiter, dann hörte er abrupt auf, weil er spürte, dass Jassy ihn brauchte. Er ließ von dem Mann ab und dieser rannte um sein Leben davon. Lobo kehrte zurück und Jassy gab ihm den Befehl seinen Oberschenkel, mit dem bereits glühenden Zeichen, vorsichtig an Maiaras Stichwunde am Rücken anzulehnen. Sie selbst holte einige Dinge aus dem Rucksack. Maiara saß gekrümmt und hatte starke Schmerzen. Die Wunde blutete stark.
Jassy legte sich ein bestimmtes Amulett um und sprach Formeln aus. Ihr Handgelenk glühte und als sie ebenfalls ihr Zeichen auf Maiaras Wunde legte, hörte es bald auf zu bluten. Die Wunde schien sich zu schließen. Maiara konnte sich gerade aufsetzten und atmete tief durch. Nach ein paar Minuten war die Wunde geschlossen.
Maiara schaute Jassy liebevoll an und sagte ihr : “ Ja, du bist eine wahre Schamanin!“

Bald darauf gingen sie auf das Schiff und am nächsten Tag ging der Flieger in Richtung Deutschland.
Als sie in Husum ankamen, standen die Großeltern bereits in der Ankunftshalle. Sie waren überglücklich die beiden zu sehen. Lobo wurde abgeholt, natürlich jaulte er wieder den ganzen Flug, aber als er die Großeltern sah, war alles vergessen. Er sprang hinten auf den Pick up und sie fuhren zum Hof.
Hier angekommen, wurde geredet, gegessen und Freude war bei allen zu sehen.

Es gab später in der Nähe von Husum eine schamanische Heilpraxis, die von zwei bezaubernden Frauen geführt wurde.
Wenn ihr einmal dort seit, schaut doch mal, ob es sie noch gibt. Vielleicht sind sie aber gerade im Amazonas unterwegs, um Heilpflanzen zu pflücken.